Roma sein ist ...
Zigeuner sein ist schön...Ich heiße Goran Saitovic und bin am 4. August 1967 in Leskovac, im südlichen Teil Serbiens, Teil des ehemaligen Jugoslawien geboren. Bis zu meinem siebten Lebensjahr lebten wir in einem kleinen Haus mit meinen Eltern, drei Schwestern und einem Bruder. Dann bauten meine Eltern ein größeres Haus. In dieser Zeit erlebten wir was es heißt, arm und hungrig zu sein. Mein Vater arbeitete in einer Firma und meine Mutter verkaufte auf dem Schwarzmarkt. Wir lebten meistens davon, was Mutter nach Hause brachte. Der Vater kam fast immer betrunken nach Hause und alles was er verdiente ging am gleichen Tag in Alkohol über. In diesem Jahr begann für mich auch der Schulalltag in der Grundschule. Bis zur vierten Klasse war ich ein guter Schüler, danach sogar gut bis sehr gut. In der Zeit war Quiz für Romakinder sehr populär. Man konnte ein paar Preise (wie Schulbücher, Armband-uhren usw) dadurch gewinnen. Das half mir sehr auch in der Schule besser zu werden. In der achten Klasse finge ich an zu rauchen und manchmal zu trinken. So hatte ich auch die ersten Freudinnen und lernte das Diskothekenleben kennen. Mein Leben veränderte sich sehr. Dann lernte ich meine jetzige Frau, Kada, kennen. Wir fingen an miteinander zugehen und das waren die schönsten Augenblicke in meinem Leben.
Ich habe mich dann in der Mittelschule für Handelswesen eingeschrieben, aber ich war nicht mehr so an Schule interessiert. Dann haben ich aus Neugier und mehr noch aus Liebe mit meiner Freundin zusammen geschlafen und sie war dann schwanger. Am 1. Mai 1983 mußte ich mit 16 Jahren heiraten und schon im gleichen Jahr am 12. Oktober wurde uns eine Tochter geboren, der wir den Namen Sandra gaben. Im dritten Jahr der Mittelschule schrieb ich mich in dem Bereich Verkehrswesen ein und konnte als einer der besten Absolventen die Schule beenden. Aus familiären Gründen konnte ich dann aber nicht mehr weiter studieren.
1986 wurde uns ein Sohn geboren, der allerdings traurigerweise nach kurzer Zeit gestorben ist. Das führte bei mir zu einer sehr großen Enttäuschung (Anm.: Für Roma sind Söhne fast ein Muß), so daß ich mich freiwillig in der Armee anmeldete und 1987 eingezogen wurde.
Am 13. August 1988 bekamen wir eine zweite Tochter, der wir den Namen der Mutter gaben, Nadjija. Nach dem ich aus der Armee zurück kam, hat mein Vater uns rausgeworfen. Ich mußte von Anfang und von Null anfangen, alleine mit meiner Frau und den zwei Töchtern. Ich fing an auf dem Schwarzmarkt zu verkaufen, überall auf der Strecke Istanbul (Türkei), Leskovac (ehemaliges Jugoslawien) und Subotica (ungarische Grenze). Das war dann das Ende meiner finanziellen Probleme. 1991 fing dann der Krieg im ehemaligen Jugoslawien an. Am ersten Tag bin ich mit meiner Familie nach Deutschland geflohen und beantragte Asyl. Dort blieben wir bis 1994, aber wir haben uns nicht sehr wohl gefühlt. In Deutschland habe ich viel darüber nachgedacht, was sich in Serbien ereignete. Mich quälten die Fragen: Sind meine Freunde in den Krieg gezogen? Sind sie noch am leben? Wie geht es meinen Eltern? Ich fühlte mich als einer der größten Feiglinge.
Nach unserer Rückkehr war ich sehr überrascht von den Veränderungen. Die Leute waren anders. Die Geschäfte waren leer. Ein leere Geldbörse. Niemand arbeitete mehr in den Firmen, totales Chaos. Aber ich sah auch etwas Interessantes, was meine Aufmerksamkeit anzog und das war die Veränderung bei Kadas Familie. Alle waren viel ruhiger, irgendwie besser drauf, keine Flüche mehr, immer Freude und Spaß. Ich erfuhr, daß alle zu dem Zeitpunkt in die Kirche gingen und es verging nicht lange, daß auch meine Frau sich bekehrte und sie ging dann regelmäßig in die Gemeinde. Mit ihr gingen dann auch meine Töchter. Sie gaben viele viele Male Zeugnis, aber mich hat das nicht interessiert. Ich machte weiter mit dem Schwarzmarkthandel. Ich ging dann regelmäßig nach Ungarn, von wo aus ich Kleidung und Schuhe einkaufte und das in Subotica, an der ungarischen Grenze verkaufte.
Aber um ihnen einen Gefallen zu tun übergab ich 1995 mein Leben Jesus. Ich ging zum Gottesdienst, aber nicht mit großer Freude. Zwei Jahre später erkrankte meine Mutter an Krebs und der schritt sehr schnell fort. Schon einige Monate später fiel sie ins Koma und wir waren auf das Schlimmste gefaßt. Auf den Rat meiner Frau riefen wir die Pastoren der Kirche, daß sie für die Heilung meiner Mutter beten sollten. Nach dem Gebet sagte der Pastor, daß er etwas Schwarzes sah, was herausgekommen war und daß er sicher sei, daß meine Mutter wieder aufstehen würde. Das rief in mir nur Gelächter hervor. Aber nach ein paar Tagen stand meine Mutter tatsächlich auf und fragte, was mit ihr geschehen sei. Das war ein Wendepunkt in meinem Christenleben. Ich erlebte mit meinen eigenen Augen, daß Gott Wunder vollbringen kann und daß er allmächtig ist. In meinem Herzen suchte ich mehr nach der Wahrheit. Ich fing an mehr zu lesen und mehr geistlicher Hunger erwachte in mir. Mehr und mehr las ich die Bibel und mehr und mehr erkannte ich Sünde in mir und klagte mich selber an, warum ich Gott nicht früher kennengelernt hatte.
1998 heiratete meine ältere Tochter. Das darauffolgende Jahr ist ein Jahr, was sicherlich nicht vergessen werde. Am 24. März fing der Krieg an. Ich war dann nach ein paar Tagen Teil der Mobilisation. Ich war dann abkommandiert am Dreiländerpunkt zwischen Makedonien, Serbien und Bulgarien. Die Familie ließ ich zurück ohne einen Pfenning und Essen. Glücklicherweise endete das schon nach ein paar Monaten. In der Zeit fing ich viel mehr an über Gott nachzudenken. Ich habe viel über Gottes Schutz gelesen und ihn gesucht. Ich war sicher, daß Er mich schützt. Immer wenn ich nach Hause gehen konnte, waren starke Bombardements an der Stelle wo ich eingesetzt war. Soldaten sagten mir: „wie auch immer Dein Gott ist, er schützt uns und deswegen gehe nicht mehr nach Hause, sondern bleib hier immer bei uns.“
Im September haben wir die Hochzeit der Tochter gefeiert und das ganze Geld was wir hatten, haben wir dafür verbraucht. Freunde rieten mir nach Sarajevo zu gehen, denn dort könne man gut verkaufen. Zu Beginn des Jahres 2002 lernte ich Reinhold Harms kennen, der als Missionar unter Roma in Sarajevo diente. Ab Juni 2002 fing ich an in der Roma-Gemeinschaft in Sarajevo zu arbeiten und da bin ich auch heute (2006) noch.
Was bedeutet das Leben für mich?
Bei uns Roma bedeutet Leben: „das es gut ist heute für das Heute zu sorgen, aber morgen erst für den morgigen Tag.“ Gutes Leben für die Roma ist, gut essen, gut trinken und jede freie Zeit sich freuen, Musik hören und tanzen. So lange ich Gott nicht kannte war das mein Lebensmotto. Es interessierte mich nur Geld, Musik, gutes Auto, ein Haus bauen. Wann immer es ging war ich in meiner freien Zeit in Gemeinschaft mit anderen. Das Leben erlebte ich für mich als sehr sinnlos. Der Grund dafür war, daß ich im Gegensatz zu meinen Freunden keinen Sohn hatte. Ich dachte, was auch immer ich machen würde es wäre wertlos, denn ich hatte keinen Erben. Meine Töchter betrachtete ich mit vollkommen anderen Augen. Alles was ich verdiente betrachte ich als etwas, was ich schnell verbrauchen solle. Aber eines war mir doch sehr sehr wichtig, daß meine Familie niemals hungrig sein würde. Dadurch das ich Gott kennengelernt habe änderte sich meine Lebenssinn total. Es fing damit an, daß ich mich selbst und meine Familie mehr schätzte und dann auch die Leute um mich herum. Ich erkannte, daß Gott mein Leben lenkt und so habe ich dann viele Dinge verändert. Mein Lebensziel ist jetzt total anders.
Als Missionar habe ich jetzt die Vision, daß wir in Sarajevo eine Kirche für Roma gründen und viele Leute zu Gottes Thron führen. Hier in Sarajevo habe ich jetzt viele Freunde, Brüder und Schwestern unter Roma wie auch unter den anderen Nationen. Freie Zeit habe ich eigentlich nicht. Samstags gehen ich immer um 18.30 Fußball spielen und die übrige Zeit mit der Familie.
In diesem Jahr habe ich viele Pläne. Der Wunsch nach der doppelten Staatsbürgerschaft hat sich schon erfüllt und wir haben auch einen bessere Wohnung bekommen. Ich hoffe eines Tages auf Besuch in die Ukraine zu gehen, um meine Roma Brüder in der Umgebung von Mukacevu kennenzulernen. Auch planen wir in diesem Jahr, daß wir Räume für unsere Gemeinde bekommen und die Gemeinde registrieren. Und was uns auch auf dem Herzen ist, noch mehrere Hauskreise zu eröffnen. In meinem privaten Leben wünsche ich mir, daß meine älteste Tochter schwanger wird und ich Großvater werde. Dann auch, daß unsere jüngere Tochter die Schule mit guten Noten abschließt. Wir wollen in Sarajevo so lange bleiben, wie Gott uns hier haben möchte.
Mein Leben kann ich unterteilen in eine Zeit vor und nach dem ich Gott kennengelernt habe. Grob kann ich mein Leben als eine Transformation beschreiben von einem richtigen Zigeuner zu einem guten Christen und ich kann sagen, daß mein jetziges Leben so ist, wie ich es mir nicht erträumen konnte und ich würde es nicht mehr tauschen wollen. Zigeuner zu sein ist schön, aber Christ noch besser.
Goran Saitović, Mitarbeiter in Roma Ministry


